Dienstag, 15. Mai 2007


Gendai-Haiku:
das zeitgenössische Haiku Japans



haru wo neru yabure kabure no yo u ni kaba


Im Frühling
 
sich niederlegen, verzweifelt  
 
wie ein Flusspferd


(Tsubouchi Nenten)


Einführung:

Im deutschsprachigen Raum war die Rezeption des japanischen Haiku lange Zeit weitgehend auf die Klassiker und ihre Schüler beschränkt. Vom gegenwärtigen Haikuleben Japans ist am ehesten noch das so genannte traditionelle Haiku bekannt. Mit der Veröffentlichung von Teilen eines Buches von Inahata Teiko wurden vom Hamburger Haiku Verlag in "Welch eine Stille!" Eckpunkte der Haiku-Lehre des Wegbereiters des traditionellen Haiku Takahama Kyoshi präsentiert. Aber wie ist es mit dem Haiku, das sich nicht an den Vorgaben der Traditionalisten orientiert, dem modernen Haiku? Der Japanologe Dr. Robert F. Wittkamp zeigte in seinem Buch "Santôka. Haiku, Wandern, Sake" (1996) den Dichter Santôka Taneda (1882-1940) als einen Meister der Lautmalerei in der Tradition des Hyôhaku (stetes Getriebensein).
Doch das zeitgenössische Haiku, das Gendai-Haiku (gendai: zeitgenössisch, modern) ist im Westen großteils unbekannt. Die Geschichte des Gendai-Haiku beginnt mit der Modernisierung dieser dichterischen Form durch Masaoka Shiki (1867-1902). Die Auseinandersetzung seiner beiden wichtigsten Schüler, Takahama Kyoshi und Kawahigashi Hekigotô, spaltete zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Haiku-Leben Japans. Hekigotô trat für eine Erneuerung der Haiku-Ästhetik ein und für eine Abkehr von den starren Regeln, Kyoshi erfand im Gegenzug das „traditionelle Haiku", opponierte gegen die Modernisierung und erreichte als Herausgeber der einflussreichen Haiku-Zeitschrift hototogisu die Vorherrschaft im japanischen Haiku-Leben. (siehe meinen Aufsatz: "Haiku am Scheideweg") Auch wenn das traditionelle Haiku heute noch zahlenmäßig in Japan überwiegt, ist das Gendai-Haiku, das die traditionellen Regeln variiert oder gar negiert, eine wichtige und innovative Kraft. Die Gendai Haiku Kyokai (Modern Haiku Association) wurde bereits nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Von Anfang an waren Offenheit und Freiheit des Ausdrucks zentrale Prinzipien. Die Dichter-Vereinigung fördert die ganze Vielfalt der modernen Haiku-Dichtung, auch solche, die an den Regeln des Einsatzes von 5-7-5 Moren oder an der Verwendung eines kigo (Jahreszeitenwort) festhalten.


Welche Diskussionen werden im Gendai-Haiku geführt, welche Positionen finden sich dort, wo sich die Bande zum klassischen Haikai gelöst oder zumindest gelockert haben? Welche ästhetischen Stile und Begriffe werden verwendet? Wer sind die wichtigsten Vertreter und welche Haiku schreiben sie?

Dr. Richard Gilbert von der Universität Kumamoto hat innerhalb eines Studienprojekts mehrere Interviews mit Autoren des modernen Haiku geführt und diese auf Video aufgezeichnet. Seit Mai 2007 präsentiert er erste Teile auf einer Website: www.gendai-haiku.com. Bis zum Jahr 2008 soll das Archiv vervollständigt werden. Die Interviews wurden mit englischen Untertiteln versehen. Die jeweiligen Galerieseiten der Dichter werden nach und nach um weitere Interviewteile und auch um Übersetzungen von Haiku ergänzt.

Ich habe in Zusammenarbeit mit Richard Gilbert eine deutschsprachige Spiegelseite erstellt. Texte und Untertitel der Flash-Videos wurden von mir aus dem Englischen übersetzt. Ich werde diese Seite sukzessive ergänzen. Ich suche zurzeit noch Unterstützung für die Überprüfung der Übersetzungen, da naturgemäß über den Umweg der englischen Sprache mehr verloren geht, als dies bei einer direkten Übertragung der Fall wäre.


Erste Folge:


Dr. Richard Gilbert im Gespräch mit Tsubouchi Nenten, Hasegawa Kai und Hoshinaga Fumio



Der gendai haijin Professor Tsubouchi Nenten erörtert den Begriff katakoto, ein Begriff aus der japanischen Ästhetik, den er als eine grundlegende Quelle der japanischen Haiku-Kreativität betrachtet.



Professor Hasegawa Kai, Autor von über 20 Büchern zur Haiku-Poetik, preisgekrönter Dichter und Juror, spricht über Bashôs berühmtes Frosch-Haiku. Die Bemerkungen sind der Auftakt zu einer längeren Vorlesung.


Hoshinaga Fumio ist einer von 12 Autoren, die als herausragende nationale Gendai Haiku-Dichter gewählt wurden. Er erklärt die Vorstellung des kotodama shinkô, die geheimnisvolle Kraft der Sprache, eine Idee, die modernisiert in seine Dichtung Eingang gefunden hat und die er als bedeutende "Sensibilität" der japanischen Kultur erachtet.



Nächste Folge zum Gendai-Haiku am 15. Juni 2007.

Dienstag, 1. Mai 2007


das Wort & es werde






Die Libelle jagt


ihren eigenen Schatten -


längs des Flusslaufes




Haiku: Helmut Hannig

Kalligraphie: Wang Ning



Helmut Hannig, geb. 1939 im Sudetenland; Schule und Ausbildung ab 1946 in Westdeutschland. Wesentliche Berufsjahre im medizinisch-wissenschaftlichen Außendienst der Pharmaindustrie.

Verschiedene Ausstellungen und Publikationen ab 1988.

Gründungsmitglied von Club Forum Literatur, Ludwigsburg und deren Literaturpreisträger 2005; Mitglied im Freien Deutschen Autorenverband FDA e.V. und Deutsche Haiku-Gesellschaft e.V.


"das Wort & es werde" ist Helmut Hannigs jüngste Publikation. Es handelt sich um ein stilvoll gestaltetes Buch, das aus zwei Teilen besteht. Der erste Teil, das Kunstbuch in Fadenheftung enthält sechsundzwanzig Holzschnittmotive (Ulme), die "das Wort" in multilingualen Ausdrucksformen von Sprachschriften aus unterschiedlichen Kulturen und Jahrtausenden zeigen. Der zweite Teil "es werde" besteht aus dreiunddreißig Einzelblättern, darunter achtzehn Holzschnitten (Esche), die eine graphisch-abstrahierte Bildfolge zu den sechs Themen Licht, Luft, Wasser, Erde, Feuer und Geist enthalten. Auf weiteren Blättern finden sich Gedichte, mehrsprachige Typographien und Kalligraphien.

Beide Teile sind in einer Kassette aus Fichtenholz aufbewahrt. Die sechsundsechzig existierenden Exemplare sind nummeriert und signiert.

Das Werk ist zur Zeit in den Ausstellungsräumen der Galerie am Michel in Hamburg, Krameramtsstuben Ulrike Haase-Remé am Krayenkamp 10 zu besichtigen.
Öffnungszeiten: Mo-So 11-18 Uhr.


Aufnahme von der Vernissage am 29.März 2007.


Am 10. Mai 2007 um 19:30 Uhr liest dort Helmut Hannig aus seinen Publikationen Prosa und Lyrik.


Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Copyright für Bild und Text bei Helmut Hannig, Gutenbergstraße 8, D-77815 Bühl. Tel. 07223-952025.

Weitere Infos: www.helmuthannig.info